Wie entwickeln sich der Schwimmsport und dessen Vereine über die Jahrzehnte? Dass dieses recht ähnlich verlaufen kann, zeigen zwei nahezu gleich alte und recht traditionsreiche niedersächsische Vereine, die seit Jahrzehnten dem Wasserball verhaftet sind und auch immer wieder mal in den DSV-Annalen aufgetaucht sind: Der Wolfenbütteler Schwimmverein von 1921 und die Schwimmabteilung des Lehrter Sport-Vereins haben im vergangenen Sommer ihr 90jähriges Bestehen gefeiert – und können manche Gemeinsamkeit entdecken, wie ein Blick in die erschienenen Festschriften beider Vereine zeigt.Komparative Studien haben in der Geschichts- und Sozialwissenschaft aber auch anderen akademischen Disziplinen in den vergangenen Jahren stark an Boden gewonnen, da durch Vergleiche mitunter ganz andere Einblicke in die Materie gewonnen werden können – und auch bei den zwei niedersächsischen Jubilaren bietet sich dieses an. Bei beiden Orten handelt es sich heute um Mittelstädte einer Metropolregion, wenngleich deren stadtgeschichtliche Grundlagen recht unterschiedlich sind: Das südlich von Braunschweig angelegte Wolfenbüttel ist eine alte Residenz- und Festungsstadt der Welfen, während das östlich der Landeshauptstadt Hannover gelegene und auch etwas kleinere Lehrte seine Prägung als recht junge Eisenbahner- und Industriestadt erfahren hat. Diese Unterschiede spielten bei der hiesigen Entwicklung des Schwimmsports vor Ort allerdings keine nennenswerte Rolle.
Beide Vereine wurden im Sommer 1921 im Abstand von nicht einmal drei Wochen gegründet. Schwimmen hielt zu jener Zeit in vielen kleineren Städten unter Ausnutzung örtlicher Badegelegenheiten als Sommersportart Einzug und bereicherte dort jeweils das öffentliche Leben – und dieses nicht nur in rein sportlicher Hinsicht: „Die Hauptaufgabe ist die Pflege der Schwimmkunst nach wissenschaftlich erprobten Grundsätzen, die Pflege echt-deutscher Kameradschaft und die Förderung von Mut und Selbstvertrauen“, hieß es bei der Gründung des damals noch eigenständigen Schwimmvereins Lehrte von 1921, und der Wolfenbütteler Schwimmverein warb wie andere Vereine auch mit dem damals national präsenten Slogan „Jeder Deutsche – ein Schwimmer“.
Beide Vereine nahmen dann aber unterschiedliche Entwicklungen: Der Wolfenbütteler Klub war in der Nolteschen Badeanstalt an der Oker mit den dortigen Bedingungen unzufrieden und errichtete sich ab 1926 außerhalb der Stadt ein Domizil am Fümmelsee, wo bis heute ein schmuckes und vielbeachtetes Vereinsgelände existiert. Die immer wieder ausgebaute Naturanlage bietet sogar eine 50-Meter-Bahn – seit dem Umbau des städtischen Freibads sogar die einzige im gesamten Kreisgebiet. Die Naturanlage wird auf Bezirksebene hin und wieder auch immer noch für Wasserball-Punktspiele genutzt. Der hiesige Schwimmverein existiert im Gegensatz zu zahlreichen anderen Klubs bis heute ohne historische Brüche, allerdings sind im Lauf der Jahre mit Skilauf (nebst einer Skihütte im Harz), Tennis, Breitensport, Tischtennis und Triathlon andere Sportangebote hinzugekommen.
Der Schwimmverein in Lehrte baute gleich im Gründungsjahr am westlichen Stadtrand bei dem beliebten Ausflugslokal an der Schwanenburg zwei Kiesteiche in Eigenarbeit zu einer Vereinsanlage aus, auf der auch Wettkämpfe auf einer 40-Meter-Bahn (!) möglich waren. „Die Wasserball-Tore hingen damals an Seilen und hatten keine Netze, wie wir beim Durchsehen der Fotos festgestellt haben“, konnte Autor Wolfgang Philipps Erstaunliches vermelden, wobei zumeist im Rahmen von Schwimmfesten gespielt wurde. Eine der in der Weimarer Republik gängigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen bescherte der Stadt Lehrte allerdings bereits im Jahre 1927 ein Stadion wie auch ein modernes Freibad am anderen Ende der Stadt. Der Klub gab seine nur noch bedingt zeitgemäße Vereinsanlage bereits in 1930er Jahren ganz auf, obwohl bereits Zeitgenossen das „Ende der familiären Atmosphäre in der Schwanenburg“ beklagten.
Erst sind weniger die Fotographien von Sportveranstaltungen als heute ganz alltäglich erscheinende Aufnahmen der damligen Freizeitkultur, die erahnen lassen, was mit der Aufgabe der Anlage möglicherweise verlorengegangen ist. Erst in den 1960er Jahren konnten sich die damals noch trotz der Nähe zu Hannover im Landkreis Burgdorf und dem weitläufig Bezirk Lüneburg beheimateten Lehrter Schwimmer und Wasserballer wieder einen kleinen Klubbereich im städtischen Freibad errichten und sich damit auch außerhalb des Wassers eine sportliche Heimstätte verschaffen. Der Verein fusionierte zudem 1931 und 1938 gleich zweimal mit anderen Klubs, so daß die Schwimmsportler der Kleinstadt eine Sparte des Lehrter Sport-Vereins wurden, in dem sich von 1938 an das Sportgeschehen der Eisenbahnerstadt weitgehend konzentriert hat – und in der Sprache der Sportkürzel wurde aus dem „SVL“ damit der „LSV“.
Wasserball macht Vereine bekannt
Beide Klubs wurden nach dem Zweiten Weltkrieg unter Nutzung der weiterhin bestehenden Bäder wiedergegründet. Für die herausragenden sportlichen Resultate haben bis in die jüngste Vergangenheit jeweils vornehmlich die Wasserballer gesorgt, und hier kreuzte sich der Weg der Klubs in den 1960er Jahren erstmals nachhaltig: Bei den damaligen Wettbewerben für „Vereine ohne Winterbad“ (VoW) schafften die Wolfenbütteler dreimal den Sprung in die nationale Endrunde und wurden 1968 in Löhne sogar deutscher VoW-Bester. Zu den Spielern der Siegermannschaft gehörte auch der frühere DSV-Vizepräsident und langjährige Bundestagsabgeordnete Wilhelm Schmidt (SPD), der seit 2005 inzwischen auch Vereinspräsident ist. Der Lehrter SV war zwischen 1961 und 1970 als dreimaliger norddeutscher Sieger sechsmal auf einer nationalen VoW-Endrunde vertreten und holte insgesamt drei Bronzemedaillen. 1970 wurde der nationale VoW-Beste sogar am Fümmelsee gekürt, wobei Wolfenbüttel wie auch Lehrte am Ende allerdings beide dem TV Werne, dem Heimatverein des heutigen DSV-Fachspartenvorsitzenden Ewald Voigt-Rademacher, den Vortritt lassen mussten.
Nach dem Ende der VoW-Zeit bekamen beide Klubs dann auch sport- und wasserballgerechte 25-Meter-Hallenbäder im Stadtgebiet: Wolfenbüttel machte in der Folge sogar einen regelrechten Durchmarsch und spielte im Jahre 1979 sogar eine Saison in der damaligen Zwölfer-Bundesliga. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist die Männermannschaft der Klubs in der Oberliga Niedersachsen präsent. Der heute nur auf Bezirksebene vertretene Lehrter SV brachte es 1976 und 1977 zu zwei Vizemeisterschaften in der damaligen Landesliga Niedersachen (heute Oberliga) und schaffte 1997/1998 als unterklassiger Klub einmal sogar den Sprung in den DSV-Pokal. Aktuell gehört der Klub vom Hohnhorstweg zu den wenigen Vereinen in Niedersachsen, die auch eine Frauenmannschaft im Spielbetrieb haben.
Wasserball spielt auch heute noch eine bedeutende Rolle in beiden Klubs, die zugleich zeigen, dass Kleinstadtvereine im Spitzenwasserball trotz der Leistungszentren auch heute nicht wegzudenken sind: Der aus dem Wolfenbütteler SV hervorgegangene Ingo Pickert (25) vom Bundesligadritten SG W98/Waspo Hannover gehört bereits seit 2006 der Nationalmannschaft der Männer an und hat als Nachwuchsspieler auch einmal die Wolfenbütteler B-Jugend auf eine deutsche Endrunde geführt. Die einer Jungenmannschaft (!) des Lehrter SV entstammende und inzwischen bei Rekordmeister Blau-Weiß Bochum tätige Tatjana Steinhauer (20) wurde 2010 und 2012 jeweils für die Europameisterschaft nominiert und ist inzwischen sogar Deutschlands erste Sportsoldatin beim Wasserball geworden - ohne diese Kleinstadtvereine hätten beiden Athleten nie zu der Sportart gefunden.
Beide Klubs haben im vergangenen Sommer ihre Jubiläen nicht nur gefeiert, sondern auch jeweils ansprechend gestaltete Festschriften herausgegeben, die sich nicht in reinen Sportresultaten verlieren und daher auch für Außenstehende gut lesbar sind. Das unter dem Titel „‚Gut Nass‘ und ‚Ski Heil‘“ erschienene und von dem Historiker Dr. Hansjörg Pötzsch erstellte Wolfenbütteler Exemplar ist im Internet unter
www.wsv21.de/uploads/verein/vereinszeitung/WSV-2-2011.pdf einsehbar. Die Lehrter Publikation titelt in Anspielung auf die lange Freibadtradition des Schwimmsports in der Eisenbahnerstadt mit „Sonne – Wasser – Luft“ und kann zum Preis von vier Euro in der Geschäftsstelle des Hauptvereins (Tel. 0 51 32 – 32 03) erworben werden.
Weitere Informationen:
www.wsv21.de
www.lsv-wasserball.de
Titelfoto: Spartanische Bedingungen: Die Wasserballtore im ersten Lehrter Freibad hingen an Seilen und hatten keine Tornetze. Foto: Archiv Lehrter SV